Stopschild Arzt

Was macht Schweden gegen Corona?

Handsprit restaurang
„Handsprit“ im Schnell-Restaurant an der Kasse.

Ich sitze am Schreibtisch und will diesen Blog-Artikel fertig schreiben. Es ist Mitte März 2020, die Corona-Krise ist in aller Munde, – doch ich selbst habe ein anderes Mund-Problem und muss deshalb um 13.30 Uhr zum Zahnarzt. Habe kurzfristig einen Termin gekriegt, wegen einer kaputten Krone, und das wiegt momentan schwerer als meine persönliche Virus-Angst.

Mein schwedischer „Sambo“ muss heute allein zu Mittag essen, und er wird sich wohl beim Asiaten ein Sushi holen. Der Alltag scheint normal weiterzugehen, – und auch wieder nicht. Es ist jetzt gähnend leer in den Lunch-Restaurants, es gibt Rabatt auf Essen zum Mitnehmen, und überall stehen diese klinischen Flaschen mit Alko-Gel, auf Schwedisch „Handsprit“ genannt.

Wir gehen also tatsächlich noch raus! In der Großstadt Göteborg. Und wenn ich das jetzt schreibe, fühle ich mich fast wie ein geächteter Schurke. Aber nicht gegenüber meiner schwedischen Mitmenschen, denn die gehen auch raus – erst recht an einem so sonnigen Tag wie heute! Das schlechte Gewissen kommt eigentlich nur im Vergleich mit der Stimmung in Deutschland. Denn dort ist das öffentliche Leben komplett stillgelegt, die Maßnahmen sind schärfer und der Druck ungleich größer, sich an die neuen Regeln zu halten.

In der Krise zeigen Menschen ihr wahres Gesicht, heißt es ja immer so schön. Wie die Schweden mit Corona umgehen, und was die Deutschen unternehmen, – das sehe ich beides, aber wie durch eine Brille mit verschiedenenfarbigen Gläsern. Ich stelle fest: In der aktuellen Corona-Krise könnten die Mentalitäten nicht unterschiedlicher sein.

Februar und März: Die Krankschreibe-Monate

Stopschild Arzt
Im Ärztezentrum sind Angesteckte nicht willkommen.

Ich kenne ziemlich viele Schweden, die derzeit „erkältet“ sind… Haben die jetzt alle Corona, fragt man sich? In meinem Umfeld sind es bestimmt gerade 3 Leute, und seit man „über Corona“ spricht, waren es sicher schon 5 bis 7. Ich hatte am 20. Februar auch mal zwei Tage lang Fieber und Halsschmerzen. Da ging es gerade los mit den ersten schweren Covid-19-Fällen, und ich war ausgerechnet bei meinem hochbetagten Vater in Deutschland zu Besuch! Inzwischen fragen mich die deutschen Freunde, ob sie meinem Vater beim Einkaufen helfen können. Das ist lieb, zumal mein nächster Besuch zu Ostern jetzt höchst fraglich geworden ist. Aber es ärgert mich auch, denn schließlich will ich meinem alten Herrn selber helfen!

Aber zurück nach Schweden: In Sachen Grippe sind die Schweden Kummer gewohnt. Februar und März sind die Krankschreibe-Monate schlechthin. Am Ende des Winters stürzt sich neben der „normalen“ Influenza oft auch die gefürchtete Magen-Darm-Infektion „Winterkotz-Krankheit“ auf die geschwächten Immunsysteme. Corona fällt jetzt genau in diese Zeit. Darum hat auch keiner meiner „erkälteten“ Bekannten, nach eigener Aussage, jetzt Angst oder Grund zur Sorge. „Das geht vorbei“, sagen sie, „wie jedes Jahr“. Man rennt auch nicht zum Arzt, sondern pflegt seine „Erkältung“ und macht sich im stillen Kämmerlein vielleicht den ein oder anderen Gedanken.

Das Gesundheitswesen hat jedenfalls aufgehört, Symptome auf Corona zu testen und registriert nur noch die ins Krankenhaus eingelieferten Patient/innen. In unserer Region Västra Götaland haben wir Stand heute 220 Fälle. In ganzen Land sind es 1600. Laut Staats-Immunologen, den wir jeden Abend im TV sehen, geschieht die Ansteckung jetzt innerhalb der Gesellschaft – also ohne Einreisende von „Risikoländern“.

Was tun? – Hände waschen!

Damen im Cafe
Ältere Damen im Café, und eine gut besuchte Fußgängerzone. Es wird Frühling – trotz Corona.

„Ja, das muss man doch was tun??“ – sagt ein ungeduldiger Reflex in mir. Die Frage ist nur wie und wann. Egal ob Schulschließungen, Reiseauflagen, Versammlungsverbote und Grenzsperrungen: Bei den Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche hinkt Schweden den anderen euopäischen Ländern offentsichtlich hinterher. Man ist beiweiten noch nicht da, wo etwa Dänemark und Norwegen sind.

Und doch hält sich die Kritik erstaunlich in Grenzen. Man verfolgt eher bedächtig die Entwicklung und macht daraus sein eigenes, schwedisches Ding. Was ich seit über 10 Jahren in Schweden verfolgen konnte, gilt auch jetzt: Regierung und Behörden überstürzen nichts. Man ist im Gegenteil überrascht, dass Verordnungen und Gesetzesänderung plötzlich so schnell auf den Weg kommen. Was im Normalfall Jahre dauern würde, wird jetzt im Handstreich durchgepeitscht.

Solche Hast ist man in Schweden nicht gewohnt. Denn Entscheidungen werden hier meist nur nach gründlicher Prüfung und am liebten im Einvernehmen gefasst. Das gilt für Politik und Wirtschaft, aber auch für Familien, die sich ein neues Sofa kaufen wollen. Das ist wirklich ein „typisch schwedischer“ Mentalitätszug, der manchmal nervt  – den ich aber auch schätzen gelernt habe. Denn hier verwandelt sich das Volk nicht über Nacht in einen wütenden Mob. Hier haben autoritäre Stimmen und totalitäres Gehabe kaum eine Chance.

Entsprechend kurz ist die Liste der Maßnahmen zur Vermeidung der Corona-Ausbreitung: Anfäng März wurden zunächst alle Veranstaltungen mit mehr als 500 Personen eingestellt und kurz darauf die Reisewarnung für alle Länder der Welt ausgesprochen. Dann wurden Über-70-jährige aufgefordert, drinnen zu bleiben sowie die höheren Schulen und Unis geschlossen. Schließlich bittet man von Reisen in und aus den Großstadtregionen abzusehen. Schwedens äußere Grenzen sind zwar noch auf, aber ein Ansturm ausländischer Touristen ist das Letzte, was man jetzt erwartet. Im Gegenteil: wie überall sind die Hotel- und Gastrobranche sowie der Flugbetrieb massiv eingebrochen. Geschäfts- und Vergnügungsreisen werden langfristig abgesagt. Ein kuriose Ausnahme sind die Ski-Gebiete in Sälen, wo einheimische Schweden den „Frühlingswinter“ genießen.

Bei Corona macht Schweden sein eigenes Ding

Hungeraufstand_Mahnmal
Mäßige Geschäftigkeit am Göteborger Järntorget, am Mahnmal des „Brotaufstandes“.

Im Großen und Ganzen bleiben die Leute also schon artig „zu Hause“. Wer kann, sitzt im Homeoffice, und der Handel versucht tapfer durchzuhalten. Ich selbst arbeite seit jeher von zu Hause, bin die Einsamkeit also gewohnt. Größere Unternehmen entwickeln derzeit alle ihre eigene Corona-Strategie. Eine mir bekannte Firma hat all ihre Mitarbeiter in 2 Gruppen eingeteilt, die sich physisch nicht begegnen dürfen: Die „blaue“ und die „gelbe“ Gruppe können jeweils für sich zusammensitzen, aber nicht gruppenübergreifend. Das erinnert mich an Kriegszeiten, wo Regierungen nicht ins selbe Flugzeug steigen konnten, – für den Fall, dass es abgeschossen wird…

Im Grunde aber gilt, dass die tägliche Arbeit weitergehen muss. Nicht nur im öffentlichen Dienst, sondern überall! Dass Grundschulen und Kitas offen bleiben, wird deshalb vom Großteil der Menschen erwartet – auch mit dem Argument, dass jetzt nicht Oma und Opa einspringen können. Die ganztägige Kinderbetreuung ist in Schweden praktisch die erste Pflicht des Staates, und für den gewöhnlichen „Svensson“ ein Grundpfeiler im Leben. Erst wenn dieser Pfeiler fällt, wäre wirklich „Krise“ in diesem Land.

Aber auch andere wichtige Reißleinen des schwedischen Lebens – Gesundheitswesen, Grundversorgung und Rente – sind nun mal massiv von Steuereinnahmen abhängig. Das sehen viele nicht, die jetzt über Schweden den Kopf schütteln. Die Devise „Wer nicht krank ist, geht zur Arbeit“, hat auch etwas mit der Solidargemeinschaft zu tun.

Corona-Maßnahmen: Zu lasch oder einfach nur „gelassen“?

hundspaziergang
Der Hund muss jedenfalls mal raus… Fotos: kat

Aus deutscher Sicht ist das vielleicht nicht gut genug. Alles lasche Halb-Maßnahmen, und keine „harte Hand“, die sagt wo es lang geht. Man sollte sich nicht an Kommentare aus Social-media-Kanälen aufhängen, aber die Vorwürfe gegen Schweden sind teilweise massiv. Das Land sei ein „schwarzes Corona-Loch“, das alles tue, um die Seuche zu verbreiten – statt zu verhindern. Komisch, dass diese Kritik oft von Festlands-Europäern kommt, die nach Schweden ausgewandert sind. Die schwedische Lockerheit, einst so geschätzt und ersehnt, passt jetzt nicht ins Weltbild der sicherheitsdenkenden Nachbarn.

Egal, ob Corona nur vorüberzieht oder endgültig ausgerottet wird: Erst wenn es vorbei ist, werden wir urteilen können, wer denn nun „alles richtig gemacht“ hat. Für mich ist es ein schönes Gefühl, dass meine Mitmenschen einfach kühlen Kopf bewahren und in der Krise ihre eigene Lösung finden wollen. Und auch wenn die Politik manchmal nervt, irgendetwas sagt mir, dass dieser Staat sich nicht über Nacht zur Diktatur verwandeln kann! Denn dafür sind die Schweden viel zu rücksichtsvoll, diplomatisch und bedächtig (oder sollte ich „gelassen“ sagen?).

Apropos: Der schwedische Zahnarzt hat nicht ein Wort über Corona verloren. Stattdessen bewunderte er „die deutsche Wurzelfüllung“, offenbar ein Stück Ingenieurskunst im Mund. Der Vergleich mit anderen Ländern ist halt spannend, auch wenn man es bei sich zu Hause anders macht…

Autorin: Katja Singer

Dies ist ein persönlich gefärbter Erfahrungsbericht über das Leben in Schweden in Zeiten der „Corona-Krise“. Kommentare und Gedankenaustausch zu diesem Thema sind willkommen. Kommentare, die gegen deutsches Recht und oder das Copyright verstoßen, werden nach Kenntnisnahme ohne Ankündigung entfernt.

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